Mitteilen
Warum wir mehr sagen sollten (und wie es gelingt)
Mitteilen: so simpel das Wort, so weitreichend seine Wirkung. Wer sich mitteilt, schafft Verbindung, wer schweigt, verlängert oft Missverständnisse, schürt Verletzung und isoliert. In diesem Beitrag lasse ich euch an meinen Beobachtungen teilhaben. Auslöser dafür war ein Posting von Doris Lind, genau zu diesem Wort in ihrem Buch: 33 Wörter, die dein Leben verändern. Aus meiner Erfahrung heraus, schlage ich auch anwendbare Schritte vor, wie Mitteilen in Familien, am Arbeitsplatz und in der Unternehmenskommunikation gelingen kann. Was nicht bedeutet, dass es mir selbst immer akkurat gelingt, weil es dafür auch ein Gegenüber braucht und manchmal auch externe Hilfe.
Warum Mitteilen wichtiger ist, als viele denken
Stilles Aushalten von Konflikten endet häufig in Kontaktabbrüchen. Wo nicht mehr miteinander gesprochen wird, fehlen Chancen zur Klärung und zur Verhinderung weiterer Kränkungen. Das ist in familiären Kontexten besonders sichtbar: Unterschiedliche Perspektiven und Lebensstationen führen zu Spannungen, wenn diese nicht rechtzeitig thematisiert werden, wachsen sie. Der Kerngedanke: Nicht-Mitteilen ist oft eine der schmerzhaftesten Formen, Beziehungen zu belasten. In meiner Ausbildung zur Hauptschullehrerin 1996 habe ich gelernt, dass “Ignorieren von Menschen”, die schlimmste Form von Mobbing ist.
Auch im Berufsalltag hat das Ausbleiben ehrlicher, wertschätzender Kommunikation hohe Kosten: Fehlendes Feedback verhindert Entwicklung, Unausgesprochenes vergiftet Zusammenarbeit und Vertrauen. Gute Führung heißt deshalb nicht nur Zielvorgaben zu kommunizieren, sondern die Kunst, Beobachtungen, Gefühle, Bedürfnisse und Erwartungen klar und respektvoll anzusprechen (Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg).
Was Doris Lind dazu sagt — Worte wirken
Doris Lind zeigt in ihrem Buch 33 Wörter, die dein Leben verändern, wie stark einzelne Wörter und Formulierungen unser Denken und Miteinander prägen. Sie spricht sich für Achtsamkeit im Gebrauch von Sprache aus und dafür, einfache, präzise Wörter bewusst einzusetzen, weil sie Türen öffnen oder schließen können. Ihre Empfehlung lautet kurz: “Bitte teile dich mit. Deine Worte können erklären, entschuldigen, versöhnen oder sogar heilen”.
https://www.knesebeck-verlag.de/33_woerter_die_dein_leben_veraendern/t-1/1367
Doris macht deutlich: Kommunikation ist kein „Nebenprodukt“ menschlicher Beziehungen, sondern ein Werkzeug zur Gestaltung von Zusammenhalt. Deshalb lohnt es sich, das Sprechen zu üben, nicht nur das Sagen von Kritik, sondern genauso das spontane Nennen positiver Beobachtungen.
Zwei zentrale Prinzipien fürs Mitteilen
Wertschätzend & konkret
Beschreibe konkrete Beobachtungen statt zu generalisieren (z. B. „Mir ist aufgefallen, dass …“ statt „Du machst nie …“).
Nenne, wie sich etwas auf dich auswirkt (Gefühl, welches Bedürfnis dahinter steckt) und was du dir wünschst (konkreter Vorschlag).
Diese Form reduziert Abwehr und schafft Verständnis.Mut zur Verletzlichkeit
Verbindung entsteht, wenn Menschen den Mut haben, ehrlich zu sein. Wie Brené Brown formuliert: „Verwundbarkeit ist die Quelle von Verbindung, Kreativität und Veränderung“. Mut zur Offenheit zahlt sich aus. https://blog.ted.com/vulnerability-is-the-birthplace-of-innovation-creativity-and-change-brene-brown-at-ted2012/
Praktische Schritte: Wie Mitteilen im Alltag funktioniert
In der Familie
Setzt regelmäßige, kleine Austausch-Rituale (z. B. wöchentliches Gespräch ohne Ablenkung).
Beginnt mit einer Frage: „Was hat dich diese Woche am meisten belastet?“ — das öffnet Türen, ohne sofort in Vorhaltungen zu verfallen.
Wenn ein Thema schmerzt: eine Ich-Botschaft + Wunsch formulieren („Ich habe mich verletzt gefühlt, als …; ich wünsche mir, dass …“).
Im Job / in der Führung
Kurzfristiges, konkretes Feedback statt Aufschub: Positives sofort benennen, Entwicklungspunkte zeitnah und konstruktiv ansprechen.
Feedback-Regel: Beobachtung (was habe ich wahrgenommen) - Wirkung (wie interpretiere ich das und in welchen Kontext setzte ich es)- konkreter Wunsch. Das macht Gespräche lösbar und handhabbar.
Kommunikationskultur institutionalisiert man über regelmäßige 1:1-Gespräche und klare Vereinbarungen zur Rückmeldung. Auch zugeben, dass man manchmal etwas missverstanden hat, oder eben auch falsch kommuniziert hat (wir sind auch „nur“ Menschen)
In der Unternehmenskommunikation
Rückmeldung geben, auch kurz, wenn Anfragen, Bewerbungen oder Angebote eingehen. Das ist ein Ausdruck von Respekt und Wertschätzung gegenüber der investierten Zeit anderer.
Transparente Prozesse schaffen Erwartungen und verhindern Frust: Wer weiß, wann er Antwort bekommt, erlebt weniger Unsicherheit.
Typische Stolperfallen — und wie man sie umgeht
„Aber“-Satz: Das Wort „aber“ kann das vorher Gesagte entwerten. Lind weist darauf hin, dass kleine Wörter große Wirkung haben; achtsamer Gebrauch reduziert Missverständnisse.
Bewertungen statt Beobachtungen: Schnell werden Aussagen zu Urteilen. Statt „Du bist unzuverlässig“ besser: „Mir ist aufgefallen, dass der Bericht dreimal verschoben wurde, das hat mich verunsichert.“ Das ist besonders schwierig, weil in den Sozialen Netzwerken ist es so einfach geworden, Menschen und Aussagen zu bewerten, statt Stellung zu beziehen (ich lese oft: bist du dumm? Kannst du nicht sinnerfassend lesen?)
Schweigen als Strafe: Pausen können sinnvoll sein, dauerhaftes Nicht-Mitteilen ist jedoch oft destruktiv. Klarheit über die Form der Pause ist hilfreich („Ich brauche zwei Tage, um das zu sortieren, dann sprechen wir.“). Ist der Kontakt einmal abgebrochen und kein Zeithorizont festgelegt, wird es für alle immer schwieriger, diesen wieder aufzunehmen. Und vor allem ist es wichtig, mittzuteilen WARUM das für die Person jetzt wichtig ist, sich zurückzuziehen.
Kurzcheck: 5 Fragen, bevor Sie etwas nicht mitteilen
Trägt mein Schweigen zur Lösung bei oder verlängert es das Problem?
Kann ich das, was ich sagen will, in einer Ich-Botschaft formulieren?
Ist mein Ziel Klärung oder Bestrafung?
Habe ich einen konkreten Wunsch oder nur eine Beschwerde?
Bin ich bereit, die Perspektive des anderen zu hören?
Wie würde ich mich fühlen, wenn ich keine Antwort/kein Feedback bekomme?
Fazit & Einladung
Mitteilen ist kein Luxus — es ist eine Kernkompetenz für gute Beziehungen, erfolgreiche Führung und ein funktionierendes Miteinander. Doris Lind erinnert uns daran, wie viel ein einzelnes, bewusst gewähltes Wort bewegen kann; die Praxis zeigt: Wer spricht, schafft Handlungsfähigkeit.
Mein persönlicher Vorsatz für 2026: Nicht aufhören und mich MITTEILEN: mit Fragen, Informationen, Neugier, Feedback und stets mit Respekt.
Was ist eure Frage oder VORSATZ für 2026? Teilt es gerne in den Kommentaren, Mitteilen ist der erste Schritt zur Veränderung.
Quellen & Empfehlungen zum Weiterlesen
Doris Lind: 33 Wörter, die dein Leben verändern (Buch; Anregungen zur achtsamen Wortwahl). https://www.knesebeck-verlag.de/33_woerter_die_dein_leben_veraendern/t-1/1367
Hintergrund zu Verletzlichkeit und Verbindung: Brené Brown, TED / Begleittexte. https://blog.ted.com/vulnerability-is-the-birthplace-of-innovation-creativity-and-change-brene-brown-at-ted2012/